Indonesien: Auf den Spuren von Kannibalen in West-Papua

Makaber, aber wahr: Es ist noch nicht lange her, da war Kannibalismus im indonesischen Teil von Papua üblich. Doch warum wurden Menschen überhaupt von Kannibalen gegessen? Und wie wurden sie zubereitet? Drei Männer vom Stamm der Yali berichten. 

„Die Yali haben erst vor zwölf Jahren aufgehört, Menschen zu essen.“ Mit dieser Aussage hat mich Paul, mein einheimischer Führer, neugierig gemacht. Schließlich waren die Yali der einzige Hochlandstamm in der Nähe der Stadt Wamena, der Kannibalismus noch in jüngerer Vergangenheit betrieb.

Um etwas mehr über die Traditionen der ehemaligen Menschenfresser zu erfahren, will ich mit Paul für drei Tage ins Land der Yali reisen. Das gestaltet sich nicht so einfach wie gedacht. Denn Transport ist teuer in West-Papua. Ob öffentliches Taxi oder Mietauto – alle verlangen Mondpreise. Es scheint so, als hätten hier viele Leute keinen Bezug zu Geld. Sie nennen einfach irgendeinen Preis, ohne sich auf Verhandlungen einzulassen. Mietwagen für einen Tag? 200 Euro? So viel haben viele dieser Menschen noch nie auf einmal besessen!


Aber auch in der Umgebung von Wamena gibt es Dörfer, in denen Yali-Familien leben. Wir fahren in eins und bitten um Anhörung beim Kepala Desa, dem Priester und Dorfchef. Wir treten in seine Hütte. Mehrere Frauen und Männer sitzen im Kreis. Auf dem Boden steht eine Blechdose, die als Spucknapf für Betelnuss und als Aschenbecher dient. Die Damen und Herren machen reichlich Gebrauch davon. Ich trage mein Anliegen in die Runde. „Ich kann die Geheimnisse unseres Stammes nicht verraten“, spricht der Priester. Stattdessen versucht die Gruppe, mir für teures Geld die Vorführung einer traditionellen Zeremonie zu verkaufen.

Auch im Baliem-Tal leben Kinder von ehemaligen Kannibalen

Wir versuchen es woanders. Auch in der Nähe von Pauls Dorf leben Yali. Die Leute dort sind gesprächiger. Sie stammen aus einem Ort namens Wesama. Da es in ihrer Heimat nur eine Grundschule gab, zogen sie für bessere Bildungschancen in die Nähe der Stadt Wamena.

Diese drei jungen Yali-Männer erzählen, was sie von ihren Vätern und Großvätern über das Menschenessen wissen

Paul, drei junge Yali-Männer und ich begeben uns aus der Mittagshitze in eine schattige Hütte. Sie wollen erzählen, was sie von ihren Vätern und Großvätern über das Menschenessen wissen.

Ihnen zufolge wurden Artgenossen nur aus zwei Gründen verspeist. Entweder aus Rache, wenn ein Mann mit der Frau eines anderen fortging. Oder wenn es sich um Opfer eines Stammeskrieges handelte. Dabei spielte das Geschlecht keine Rolle.

Eine Familie erhielt das Bein, eine andere den Arm

Menschen wurden mit einem Speer oder wie die Schweine mit Pfeil und Bogen getötet. Zuerst schnitt man das Opfer quer unterhalb von einer zur anderen Brust auf und entnahm die Leber. Es war das Privileg des Kepala Desas, sie zu bekommen und gekocht zu essen. Er rief das Dorf zusammen, das sich versammelte.

Der Getötete wurde in die Mitte geschafft. War Fremdgehen der Grund für den Tod, wurde dem Mann der Penis abgeschnitten und gegrillt. Die betroffene Frau musste an ihm reiben und ihn essen. Nun zerschnitten die Dorfbewohner den Körper. Der Kepala Desa teilte die Stücke auf. Eine Familie erhielt das Bein, eine andere den Arm, eine dritte die Schulter, usw. Dann zogen sich die Familien zurück in ihre Hütten und bereiteten das Menschenfleisch zu. Vor dem Essen sangen sie vor Freude, weil es ein besonderes Mahl gab. Oft wurden selbst Knochen gegessen. Sie wurden dem Körper entnommen, mit Wasser gereinigt, in der Sonne getrocknet und zerkleinert.

Kannibale: „Mensch schmeckt viel besser“

Gekocht wurde nach den gleichen Rezepten wie bei Schwein oder Hund. „Nur schmeckt Mensch viel besser, hat mein Vater gesagt“, grinst einer der drei jungen Männer. Ihm zufolge aß sein Vater offenbar am liebsten in Stücke geschnittene und gekochte Frauenbrüste – „weil sie so schön fettreich“ seien. Aber auch ich würde wahrscheinlich gut schmecken, bestätigt er lachend. Ich nehme es als Kompliment.

Bis 1961 gab jede Generation die Rituale an die nächste weiter. Dann kam ein deutscher Missionar nach Wesama in das Land der Yali, in dem damals ein Stammeskrieg wütete. Er brachte das Wort Gottes, die Bibel, mit und lehrte sie, dass Töten eine Sünde ist. Viele Yali hörten auf, Menschen zu essen. In manchen Dörfern hielt sich die Tradition aber länger.

Sind die Korowai und Kombai noch heute Kannibalen?

In einigen abgelegenen Regionen Papuas, etwa bei den auf Baumhäusern lebenden Tieflandstämmen Korowai und Kombai, wird vermutet, dass Kannibalismus bis heute existiert.

Text und Fotos: Heiko Meyer

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16 Gedanken zu „Indonesien: Auf den Spuren von Kannibalen in West-Papua

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  2. Eku Wand

    Anmerkung: Ich war erst kürzlich im November 2013 bei den Korowai zu Besuch und habe Freunde, die dort schon seit ein paar Jahren Trekking-Touren durchführen. Kannibalismus ist dort zumindest nach unseren Erkenntnissen nicht mehr vorhanden! ;—)

    Antworten
    1. Heiko Meyer Artikelautor

      Hallo Eku Wand, danke für den Kommentar! Das beruhigt mich und wahrscheinlich auch alle anderen, die bei den Korowai vorbeischauen wollen ;-) Viele Grüße, Heiko

      Antworten
  3. Oli

    Ein spannender Beitrag. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch die Geschichte von Michal Rockefeller interessant, der 1961 vor westpapua in Seenot kam, sich vermutlich an Land rettete und dort von Kanibalen verspeist wurde. Dazu ist erst vor wenigen Wochen ein Buch herausgekommen. Google mal danach…

    Antworten
  4. Heiko Meyer Artikelautor

    Hallo Oli, die Geschichte von dem Herrn kannte ich gar nicht. Insofern danke für Deinen Buchtipp! Laut Google ist Michael Rockefeller in der Asmat-Region umgekommen. Da wollte ich ursprünglich ebenfalls hin, habe es aber aufgegeben. Zu teuer, zu aufwändig. Vielleicht war das ganz gut so ;-) Viele Grüße, Heiko P.S.: Du hast einen interessanten Blog! Da werde ich wohl noch viel stöbern…

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